NEUGIER, ANFASSEN, MITMACHEN


Hartmut von Hentig über: “Vorschulkinder” NEUGIER, ANFASSEN, MITMACHEN
Professor Hartmut von Hentig, 44, lehrt Pädagogik an der neuen Universität Bielefeld. Er veröffentlichte unter anderem: »Systemzwang und Selbstbestimmung«.
04.01.1970, 13.00 Uhr • aus DER SPIEGEL 1/1970

Haben wir nicht schon zuviel Schule? Ist nicht, was sie lehrt, schon jetzt zuwenig für die viele damit verbrachte Zeit, zu langweilig, zu unerheblich, zu weit von dem Augenblick und den Lagen entfernt, in denen es nützen soll? Sind die Schüler nicht deshalb rebellisch, weil es ihnen unheimlich ist, in einem künstlich isolierten System auf unbeeinflußbare Zwecke hin abgerichtet zu werden?

Aber nicht genug, daß die Schule immer beflissener die Motivationen der Schüler zu »machen« lernt; nicht genug, daß Ganztagsschule und programmierte Selbstinstruktion auch den letzten Spielraum aufsaugen, der innerhalb der Schulzeit bleibt; nicht genug, daß sich die formale Ausbildung für viele bis zum Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts ausdehnt — nun soll es auch noch Schule vor der Schule geben!
Und alle sagen ja dazu. Die Eltern sagen ja und denken dabei, daß sie die Kinder auf diese Weise ein Jahr früher loswerden; die Lehrer denken an ihr Pensum; die Lerntheoretiker an die Quelle ihrer Weisheiten, die ja zu 90 Prozent an Kindern zwischen null und sechs Jahren gewonnen worden sind; der Deutsche Bildungsrat an die Chancengleichheit — nämlich daran, daß sie durch Schule verwirklicht werden muß; der konservative Studienrat auch — nämlich daran, daß sie schon lange vor seiner Schule verwirkt ist. Also eine offene Verschwörung aller Pädagogen gegen das Kind?
Auch Leuten, die nicht von der Apo sind, könnten solche — unzeitgemäßen -Zweifel kommen, wenn sie ein Buch In die Hand bekommen, dessen erstes Kapitel die Überschrift »Anstiftung zur Vorschulerziehung« trägt und das mit Hilfe von wenig Text und 409 Photographien auf 240 Seiten Glanzpapier für nur 19,80 Mark — also offenbar in hoher Auflage -. über das Vorschuljahr an der John F. Kennedy-Schule in Berlin berichtet. »Anstiftung« zu etwas, was ohnedies nicht aufzuhalten ist, das macht verdächtig.
Nun, das Buch »Vorschulkinder« von Nancy Hoenisch (einer amerikanischen Lehrerin an der JFK-Schule), Elisabeth Niggemeyer zugleich mit den zweifeln an den wirkungen jener heilen welt bestätigt das buch den zweifel an pädagogischen orthodoxien — an der diktatur gewisser »wissenschaftlicher« erkenntnisse, die behaupten, »mit 18 monaten tritt das kind in die erste trotzperiode ein«, »mit fünf jahren wendet es sich dem märchen zu«, »mit sechs jahren ist es schulreif”usf. das buch stiftet die eltern und lehrer zu der beobachtung an, daß vor der schule nicht alles natur ist und in der schule nicht alles schule sein muß, daß kinder hilfe brauchen und bekommen können, wenn sie etwas so »einfaches« wie erfahrung machen sollen, daß kinder sich selbst erproben müssen, bevor ihnen die überwältigende rolle von »schülern« zugemutet werden darf. schule also soll nicht einfach ein jahr früher beginnen, schule soll durch vor-schule vor allem anders werden, indem die kinder die voraussetzungen des lernens lernen: wie man aus unordnung und fremdheit ordnung und vertrautheit macht, aus unvermögen frage, aus frage experiment, aus experiment anwendbare und mitteilbare erkenntnis, aus einsamem wunsch gemeinsames handeln. das geburtstrauma läßt sich nicht vermeiden, sondern nur verwinden. das schultrauma läßt sich vermeiden, zum beispiel indem man nicht alle kinder der neuen klasse fremd aufeinander und auf fremde dinge in fremden ordnungen losläßt. in australien wird jedes kind nach seinem sechsten geburtstag eingeschult, damit es in eine schon bestehende gemeinschaft kommt.
wer das als harmonistische abwiegelei, als abrichtung zur abrichtung verdammt, der erinnert sich nicht nur schlecht an seine eigene kindheit, an die viel zu vielen Ängste und konflikte, die selbst jene heile welt noch enthielt, der dreht vor allem das richtige verhältnis von schule und wirklichkeit um.
die erwachsenen sollen gefälligst selber die gesellschaft ändern wenn sie ihnen irrational und inhuman vorkommt. den kindern aber sollen sie die erfahrung von der aufregenden lust der selbstbestimmung geben, von der notwendigkeit, den tücken und techniken der mitbestimmung, dem potenten instrumentarium (und dem instrumentellen charakter> der Wissenschaft, das zuversichtlich gemachte Bewußtsein von dem, was Charles S. Peirce »the wisdom of the body« genannt hat — die Weisheit unserer Sinne. Das Revolutionmachen sollten wir ihnen wenn irgend möglich zu ersparen suchen.
Wer zu lesen versteht, der sieht hinter dieser kleinen Vor-Schule endlich wieder eine Schule des Lebens angelegt: weil sie, um auf Schule vorzubereiten, von den Ordnungen der Schule und ihrer Fächer absieht.
Und wer dies aus den wenigen Zellen des Rezensenten nicht erkennen kann, der muß das Buch darum nicht ungeprüft kaufen: Es genügt, wenn er im Laden in den Bildern blättert. Denn eigentlich enthalten sie alles, auch Wahrheiten, die der Text nicht enthält oder leugnet. Auf den Seiten 24/25 sieht man vier Bilder von zwei Mädchen mit einer Puppe: den Besitz nicht zum Fetisch machen, also »fünf Minuten kannst du die Puppe haben, dann gibst du sie mir!« Aber auf dem Gesicht der jeweils Besitzenden ist diese Einsicht nicht angekommen; dort steht nur, wie wenig beglückend der »Besitz auf Zeit« ist.
Wenn man alle, die mit Kindern zu tun haben, so sehen lehren könnte, wie die Photographin gesehen hat, die ältere Generation würde mit ihren vorgefaßten Vorstellungen und Forderungen die Kinder nicht mehr so gründlich Verfehlen wie in der Vergangenheit.
Sehen können ist mindestens so wichtig wie Wissen. Ja, nur weil die Autoren dieses Buches sehen können, wissen sie auch, daß es Unsinn ist, »einem Kind unvermittelt ein Wort hinzulegen und zu sagen, das heiße Anna, einem Kind dann das Wort Anna immer wieder vorzuhalten, bis es endlich gelernt hat, daß Anna so und nicht anders aussieht, obgleich das Kind — da es eine Anna nicht kennt — das Wort nicht sonderlich interessant findet«; und daß »die gelesenen Wörter zu Zauberformeln werden … wenn Kinder lesen können, was sie gerade erfahren haben«.
Sie wissen auch, was sie tun, wenn sie sich das Prinzip machen: »Keiner muß zuhören, wenn er nicht will; er kann zum Malen gehen oder zum Experimentieren«; oder: die Abhängigkeit des Kindes von den Erwachsenen behutsam abzubauen
Wenn auch die Offentlichkeit so sehen lernte, sie würde die Neugier, das Anfassen und Mitmachenwollen der Kinder nicht als Störung ihrer wichtigen Tätigkeiten abwehren, sondern so viel Freude daran haben, wie die Bilder der Frau Niggemeyer beim Fleischer, beim Feuerwehrmann, bei den Marktfrauen entdeckt haben.
Und wenn schließlich auch die Wissenschaftler dies und so sehen lernten, sie bekämen Lust dazu, ihre abstrakten Künste in die Vorgänge zurückzuverwandeln, die hier Erkenntnis und Lebenssicherheit bedeuten.
Ich hatte das Buch zufällig auf einer Tagung über Wissenschaftsdidaktik dabei und mußte dauernd danach greifen, um mich meinen gelehrten Kollegen verständlich zu machen. Für mich ist es »das Buch des Jahres«, ein Buch, das mehr leisten kann für unsere in pädagogischen Fragen so verkrampfte Gesellschaft als alle Empfehlungen des Bildungsrates, und das eine wahrere Pädagogik vermittelt als dicke wissenschaftliche Handbücher, weil es selbst pädagogisch verfährt. Man lernt ohne Entmutigung eine Sache, die es (in Deutschland) noch nicht gibt, und das nenne ich die wahre Vorschule der Vorschule.


aus:
https://www.spiegel.de/kultur/neugier-anfassen-mitmachen-a-94fea31e-0002-0001-0000-000045226212

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